Donnerstag, 4. März 2010

Wesenstests – oder: über das Wesen von Hunden und über das von Menschen


Diese Woche haben wir wieder einmal einen Gasteintrag der Autorin und Hunde-Expertin Clarissa von Reinhardt für Sie. Weitere Infos finden Sie auch unter www.animal-learn.de!

Bienen stechen, Katzen kratzen, Pferde schlagen aus – und dürfen das. Es ist bekannt und akzeptiert. Schon kleinen Kindern bringt man bei, sich diesen Tieren gegenüber vorsichtig und umsichtig zu verhalten, sie nicht zu erschrecken oder zu provozieren.

Bei Hunden ist alles anders. Sie dürfen sich nicht wehren, sollen sich alles gefallen lassen, nur dann sind sie „gute Hunde“. Mancherorts brauchen sie einen Wesenstest, um überhaupt existieren zu dürfen. In der Regel sind diese Tests so konzipiert, das sie unfairer nicht sein können. Machtspiele mit einem Tier, das uns als Sozialpartner anvertraut ist.

Da wird der Hund vereinsamt, von seiner Bezugsperson getrennt, verunsichert und Situationen ausgesetzt, die ihn ängstigen. Kein normaler Mensch würde so etwas einem Tier antun. Er wird so lange provoziert, bis er in seiner Angst nicht mehr anders kann, als zu knurren oder sich zu wehren – um dann zu sagen, dass er geknurrt oder sich gewehrt hat, was dann natürlich wieder als Beweisführung dafür gilt, dass er gefährlich ist.

Da werden Hunde von mehreren Personen bedrängt, geschubst, ja sogar getreten mit der Begründung, dies könne in einem überfüllten Fahrstuhl schließlich auch mal geschehen. Es wird mit Schlagstöcken neben ihnen auf den Boden gedroschen, dabei wild herumgefuchtelt, bis die Hunde mit weit aufgerissenen, panischen Augen versuchen zu fliehen – was durch eine sehr kurz gehaltene Leine verhindert wird. Je defensiver der Hund ist, desto dreister werden die Versuche, ihn „aus der Reserve zu locken“. Geht er schließlich nach allen erfolglosen Versuchen des Flüchtens in Abwehrverhalten über, ist dies wiederum der Beweis dafür, dass er gefährlich ist. Würden wir solchen Situationen ausgesetzt, würden die meisten von uns kläglich versagen. Wäre das dann der Beweis für unseren guten oder schlechten Charakter oder unsere potentielle Gefährlichkeit für unsere Mitmenschen?

Ich habe mir viele Videos so genannter Wesenstests angesehen und bis auf wenige Ausnahmen habe ich absurde Machtspielchen von kranken Menschen mit wehrlosen Tieren gesehen. In der Regel übrigens Menschen, deren Fachwissen über Hunde so erbärmlich ist, dass man sich fragt, mit welcher Berechtigung sie überhaupt meinen, dieses Tier, von dem sie so offensichtlich gar nichts verstehen, auf irgendetwas testen zu können.

Aber da ist noch etwas. Eine ganze Gesellschaft, die nicht protestiert. Kaum einer der es wagt, den Mund aufzumachen. Achselzucken. Sätze wie: „Ist schon alles irgendwie furchtbar, aber da kann man eben nichts machen.“ Stumme Mittäterschaft.

Wann kommt der Wesenstest für Menschen? Wer schützt die Tiere vor uns, wenn wir gefühlsarm, sozial inkompetent, verroht und gefährlich sind? Betrachtet man so einige Zeitgenossen, hat man das Gefühl, er ist schon lange überfällig.

Kommentare:

Melanie hat gesagt…

Ein sehr sehr guter Beitrag, der mir aus der Seele spricht.

Ich bin so froh, dass wir in Niedersachsen keine Rasseiste haben und wir somit problemlos unsere "Kampfschmuser" halten dürfen. Es ist traurig, dass es immer noch Menschen gibt die es immer noch nicht gemerkt haben, dass der Mensch das Problem ist und nicht der Hund.

Firle hat gesagt…

Hervorragender Beitrag!!! Ich werde ihn von meinem Blog aus verlinken!

mfg
Andrea Eichinger

Anonym hat gesagt…

Wann wird endlich ein Wesenstest für Hundehalter fällig? Hoffentlich sitzen die Hunde dabei zu Gericht...
Ein hervorragender Beitrag ist das. Wesensteste sind völlig obsolet und dienen lediglich dem Omnipotenzverhalten grausamer Menschen..

Suse hat gesagt…

Danke für diesen leider nur allzu wahren Artikel. Oft habe ich ebenfalls den Eindruck, dass den Hunden, gerade in der Großstadt, an mehr abverlangt wird als den Menschen. Ich habe einen kleinen Adoptiv-Terrier aus einer Tötungsstaion in Spanien. Dieser Hund ist sehr klug, geduldig, tapfer und anhänglich. Trotzdem ist er, wie alle anderen Hunde, der täglichen Diskriminierung ausgesetzt, beweisen zu müssen, dass er allen Kriterien entspricht, die von ihm verlangt werden. Das betrifft nicht nur sogenannte Kampfhunde. Alle Hunde werden erstmal als anzuleinender Störfaktor und potentielle Bedrohung angesehen, und nicht als Mitglied unserer Gemeinschaft. Das finde ich schade, da Hunde so eine Bereicherung darstellen und so wundervolle Wesen sind, die ein Recht haben, akzeptiert und nicht als Gegenstände behandelt zu werden.

Herzliche Grüße aus Hamburg
Suse mit Brösel

Rabennest hat gesagt…

Mir geht es mit solchen Geschichten immer sehr, sehr zwiespältig.

Zum Einen: Ich habe einen sehr kleinen Hund, der schon mehrfach von nicht angeleinten Hunden gebissen worden ist. (Darunter war KEIN sogenannter 'Kampfhund', das ist mir wichtig zu sagen, es waren durch die Bank unidentifizierte Mixe! ;))

Zum Anderen: MEIN Hund würde so einen Wesenstest nie und nimmer bestehen! Sie hat eine ausgeprägte Persönlichkeit und entscheidet darüber, ob ihr jemand sympathisch ist oder nicht. Sie lässt sich nicht von jedem anfassen. Leider gehen auch heute noch Menschen auf der Welt spazieren, die meinen, nur weil ein Hund klein ist und putzig aussieht, muss man ihn auch unbedingt mal streicheln. Hat dieser Mensch das Glück, von Lola als sympathisch angesehen zu werden, wird er sich über ein zugewandtes, liebes kleines Hundchen freuen können. Ist das Gegenteil der Fall, wird er angeknurrt und, sollte er das ("Och wie putzig, das kleine Hundchen knurrt!") nicht als deutliches "Lass mich in Ruhe, ich mag dich nicht!" verstehen, wird er eine Macke mehr an der Hand haben. Ja, auch KLEINE Hunde einer sogenannten 'Schosshunderasse' beissen, wenn sie bedrängt werden!

Natürlich ist eine Malteserbisswunde nicht mit der eines beispielsweise Schäferhundes zu vergleichen in Größe und vielleicht auch Schmerzhaftigkeit (Ich wurde noch nie von einem Hund gebissen, ich weiss es also nicht wirklich), sie birgt aber prinzipiell die gleichen Gefahren.

Ich sage also: "Menschen, respektiert die Hunde als Persönlichkeiten! Es sind keine Spielsachen, die jeder anfassen darf. Bringt das schon, wie ich es auch tue, euren Kindern bei! Aber diskriminiert keinen Hund aufgrund seiner Rassezugehörigkeit und vor allem: Quält keine Hunde, die nichts dafür können, von wem und mit welchen Merkmalen sie geboren wurden!

Das lag mir am Herzen.

Liebe Grüße,